Die romantische Kathedrale

Im frühen 19. Jh. befand sich die Nikolaikirche in einem renovierungsbedürftigen Zustand. Fast zeitgleich zum Neubau der Friedrichswerderschen Kirche (1824-1830) durch K.F. Schinkel in Berlin verlief der Umbau von St. Nikolai. Zwischen 1823 und 1832 verlieh der hiesige Architekt Johann Gottlieb Giese (1787-1838) dem dreischiffigen Kirchenraum einen neuartigen Erlebnischarakter. Er überformte den gotischen Innenraum zu einer romantischen Kathedrale, die auf das religiöse Erlebnis des Einzelnen ebenso nachhaltig wirkte, wie sie auch als Zeichen nationaler Erneuerung in der ersten Hälfte des 19. Jhs. angesehen werden kann. Der Kirchenraum, als romantisches Gesamtkunstwerk aufgefasst, atmet eine neue Einheitlichkeit, die mehr das religiöse Empfinden als den Verstand im Sinne Fr.D. Schleiermachers (1768-1834) ansprach. 
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Taufbucheintrag Caspar David Friedrich
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Caspar David Friedrich (1774-1840). Kirchenfenster, Chorgestühl und Sessel, um 1824, Bleistift, 13x 20 cm, verschollen
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Den geistes- und kulturgeschichtlichen Hintergrund für dieses Projekt prägte in Greifswald ein Personenkreis, der mit dem Maler Caspar David Friedrich (1774-1840), am 7. September 1774 in der Nikolaikirche getauft, freundschaftlich in Verbindung stand. Dazu gehörten u.a. die Universitätsprofessoren J.G. Quistorp, K. Schildener und J.C.F. Finelius. Der selbst künstlerisch tätige Finelius hatte als leitender Geistlicher an St. Nikolai die Umgestaltung maßgeblich mitbestimmt. Über Christian Friedrich (1779-1843), der als Tischlermeister alle Holzschnitzarbeiten ausführte, war sicher sein Bruder Caspar David in die Konzeption mit einbezogen. 
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Zeichnung von 1875 mit einem Nebenaltar an der Kanzel
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Unter Beibehaltung der ursprünglichen Struktur des mittelalterlichen Innenbaus erzielte Giese durch den Verputz aller Architekturglieder, die Neuschöpfung von Baudekor sowie einen Farbanstrich im warmen Sandsteinton eine beeindruckende Raumvereinheitlichung. Ausstattungsstücke wie Altar, Kanzel, Taufe, Orgelprospekt und Gestühl wurden neu gefertigt und harmonisch in das Gesamtkonzept integriert. 
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„INNERER PROSPECT DER SCT: NIKOLAI=KIRCHE VOM TAUFSTEIN NACH DER ORGEL“- Zeichnung von Burkhardt, Greifswald 20.3.1833
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Die entscheidende Veränderung erfuhr der Innenraum durch einen erhöhten und vollkommen neugestalteten Chor. Giese inszenierte durch den Einbau eines polygonalen Binnenchores, dessen mit filigranem Maßwerk gefüllte Wimperge an das Motiv einer kathedralen Außenfassade erinnern, eine visionäre Architektur: Der Innenraum wird als Teil des Außenraumes definiert. Über dem erhöhten Altar erhebt sich ein leuchtendes Goldkreuz.
1835 fand Schinkel anerkennende Worte für Gieses Umgestaltung, die er als positives Beispiel gegenüber misslungenen Innenrestaurierungen anderer vorpommerscher Kirchen lobte. Innerhalb Greifswalds hatte die Giesesche Umgestaltung in den folgenden Jahrzehnten eine Anzahl von qualitätsvollen neugotischen Innenraumgestaltungen zur Folge.
Birgit Dahlenburg
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