Dietrich Hermann Biederstedt

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Dietrich Hermann Biederstedt
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1. November 1762, Stralsund - 10. März 1824, Greifswald
1. Herkunft und Ausbildung
Als erstes Kind des Müllers am Kniepertor (Pächter der Wassermühle) in Stralsund, wurde er am 1. November 1862 geboren
(aus erster Ehe des Vaters zwei Kinder, danach kamen noch sieben). Im Alter von sechs Jahren begann er seine Ausbildung auf dem humanistischen Gymnasium, das er 14 Jahre besuchen sollte.
Stralsund, eine befestigte Garnisonstadt, hatte damals rund 8000 Einwohner und war Hauptstützpunkt der schwedischen Macht in Vorpommern.
Biederstedt abonnierte als Schüler das „Stralsundische Wochenblatt“. Den Eltern ging es schlecht, das bezeugen zahlreiche Bettelbriefe um Pachtermäßigung an den Rat der Stadt. „Das Leben in seinem Elternhaus war mehr als beengt: Es besaß 1767 nur eine Wohnstube, in der sih die kinderreiche Familie, das Gesinde, de Mühlenvisitierer (Städtischer Kontrollbeamter) und zwei einquar¬tierte Husaren aufhalten mußten“ .
„Ein Abgangsexamen der Schule war damals in Vorpommern nicht üblich, der erfolgreiche Abschluß der obersten Klasse berechtigt ohne weiteres zum Hochschulstudium“ .
Biederstedt sollte eigentlich Kaufmann oder Jurist werden, ging dann aber mit sechs anderen Stralsundern von 1783-1786 in Göttingen und studierte dort Theologie.
Die naheliegende Universität Greifswald hatte nur 60-80 Studierende und ein geringes Ansehen. Es gab eine starke Verbindung zur Universität Göttingen, so schreibt E.M. Arndt, auch ein Stralsunder Gymnasiast, von „...Göttingen, dem gewöhnlichen Ausflug der Sundischen, wohin auch die Lehrer, alle weiland Göttinger, immer wiesen“ . Die Reise dorthin dauerte damals 14 Tage.
Unter seinen Lehrern waren auch zwei Historiker, wichtig für seine späteren Leistungen. Die Studenten mußten in den weniger besuchten Gottesdiensten, Sonntag Nachmittags, predigen, denn die Professoren waren zugleich Prediger,
Eine schwere Erkrankung des Vaters, er starb August 1787, ließ ihn im Herbst 1786 zurückkehren und er absolvierte das Pflichtjahr an der Greifswalder Fakultät.
2. Berufliche Versuche und Erfolge
Stralsunder Cliquenwirtschaft verhinderte seine Berufung als Pastor an St. Nikolai. Biederstedt unterrichtete in Stralsunder Familien, predigte auch zuweilen.
Der kränkliche Archidiakon von Aemingas an St. Nikolai, Greifswald fragte ihn, ob er ihn Sonntags und Dienstags in der Predigt vertreten wolle, dies lehnte er zwei Mal ab, da in Stralsund eine Pfarrstelle in Aussicht schien. Das dauerte aber länger. So nahm er eine Stelle als Hauslehrer bei einem Stralsunder Ratsherren an, taktisch klug, denn der Rat war Patron der Kirchen.
In Greifswald verzichtete von Aeminga 1788 auf das Amt des Archidiakons. Es bewarben sich Diakon Mende (Nikolai) und Diakon Ziemssen (Marien). Letzterer wurde gewählt, verzichtete aber am 10.8.1888.
1797 wollte ihm die theol. Fakultät Göttingen das Doktordiplom geben, Biederstedt lehnte ab, da sein Vorgänger von Aeminga es nicht besaß. Nach dessen Tod, 1799, erhielt er es auf eine neue Anregung hin im Jahre 1805. Wieder setzt sich von Aeminga für Biederstedt ein.
16. November 1788: Probepredigt
26. November: Wahl durch den Rat
14. Dezember: Gastpredigt
26. Januar 1789: 2. Theol. Examen
8. Februar: Ordination und Institution vor dem kleinen Altar.
9. Februar: Bewirtung des Magistrats, des Ministeriums und der drei Provisoren (=Vermögensverwalter)
15. Februar: Antrittspredigt
Biederstedt erhielt also im Alter von 26 Jahren eine angesehene Pfarrstelle.
„Jeder der drei Greifswalder Kirchen hatte einen ersten und zweiten Geistlichen, einen Pastor und einen Diakon. Mit dem Pastorat war bis 1889 in Personalunion verbunden ein Lehrstuhl für Theologie an der Universität. ... Der Pastor an St. Nikolai hatte im 18. Jahrhundert zusätzlich noch zwei Verwaltungsämter, nämlich das des Stadtsuperintendenten und das des Generalsuperintendenten von Schwedisch-Vorpommern. ... So wurde diese seine Aufgabe [als Pastor] durch einen Archidiakon wahrgenommen, der auch das Pfarrhaus Domstr. 13 bewohnte. Der Generalsuperintendent hatte seinen Amts- und Wohnsitz ganz in der Nähe, im Haus Domstr. 14“ .
3. Das Haus Domstraße 13
„Doch nun ging es erst einmal an das Einrichten des neuen Haushaltes. Da Aeminga in seinen letzten Jahren in dem Pfarrhaus, aus dem er schon im Juni 1788 ausgezogen war, wenig hatte reparieren lassen, renovierte er mit Hilfe seiner Mutter, die für ihn Material kaufte, Tapeten in Hamburg bestellte und auch fernerhin bis zu ihrem Tode (1802) häufig mit eigenem Wagen aus Stralsund herüberkam“ .
Er wohnte, da unverheiratet, mit einer ältlichen Haushälterin und einer Küchenmagd im Hause und vermietete größere Teile an Bekannte. Unter anderem im Jahre 1800/1801 an die jungen Grafen zu Putbus. Graf (ab 1807 Fürst) Malte zu Putbus ließ alle seine Kinder von Biederstedt taufen.
Aber auch:
„Zur Miethe wohnten bey mir ferner, der H. Obristlieutnant und Ritter des N. O. Herr von Klinkowström zu Ludwigsburg mit Sei: Gemahlin, und 3 Fräulein Töchtern von dem 20sten November 1806 bis den 6ten Mai 1807 . Außer 2 Bedienten und einem Koch, hatte die Frau Obristlieu: noch 2 Jgde bey sich. Während der Besetzung der Stadt von Franzo: wohnte die männliche Bedienung mit meinen Leuten in Ei: Zimmer“ .
Dem schwedischen König Gustav IV. Adolf zeigte er während des Landtages 1806 die Nikolaikirche.
„Am 28. Januar 1808 begann das Unheil. Im Verlaufe des Krieges gegen Napoleon, in den sich Gustav IV. Adolf ohne zwingenden politischen Grund eingemischt hatte, drangen napoleonische Truppen über die zugefrorene Peene und trafen kurz nach dem Mittag in Greifswald ein. Während dieser Einzug noch leidlich ruhig vor sich ging, war der eilige Rückzug in der Nacht vom 1. zum 2 April desto tumultreicher.
‚Eine Schreckensnacht! Gott beschütze mich und mein Haus‘, in dem gerade die Familie Klinkowstroem wohnte.
Die Freude über den Abzug der Feinde dauerte nicht lange. Am 13. Juli brachte Biederstedt schleunigst sein Bargeld, 130 Reichstaler, auf dem Rathaus in den Depositenkasten in Sicherheit, am Tage darauf waren die feindlichen Truppen wieder da und blieben bis 1810“ .
Die Einquartierungen der napoleonischen Offiziere belasteten ihn in seinem Juggesellenhaushalt so sehr, daß er am 7. April 1808 das Haus verließ und an seinen Studienfreund aus Göttingen, Hofgerichtsrat Haselberg vermietete.
Nicht sicher ist, ob er sogleich in die Domstr. 21 zog, wo er zwei Zimmer bewohnte und wo er 1824 starb.
4. Predigten
Aus seinen Predigten „spricht nun ein recht trockener Rationalismus, etwa, wenn er in seiner Antrittspredigt programmatisch erklärte, daß er sein Amt nicht als Priester, nicht als Seelsorger - für seine Seele müsse jeder selbst sorgen -, auch nicht als Heiliger oder Geistlicher, sondern lediglich als Volksreligonslehrer auffasse“ .
So auch noch 1817: öffentliche, christliche Religionslehrer.
Als Prediger war er berühmt, doch nicht unumstritten:
„So berichtet ein anonym gebliebener Reisender in einer Leipziger gelehrten Zeitschrift des Jahres 1801: ‚die Vormittagspredigt, die ich von Letzterem (Biederstedt) hörte, schien Vorbereitung vermissen zu lassen. Er wiederholte in viele Tautologien bei einer schreienden Deklamation‘. Biederstedt reagierte auf diese Kritik wie ein Weiser: Er schwieg“ .
In einem Nachruf heißt es: „Er predigte mit Herzlichkeit und Begeisterung, doch auch mit zu großer Wortfülle und Kunst“ .
Allerdings hat Kosegarten ihn als den berühmtesten Kanzelredner des Landes bezeichnet .
Biederstedt erhielt Angebote aus Hamburg (1796) und Kopenhagen (1802), aber er lehnte ab.
[Im November 1790 berief die Regierung in Stralsund Dr. Gottlieb Schlegel (BILD) aus Riga in das Amt des Generalsuperintendenten. Dieses Amt hatte nach Quistorps Tod der Pastor von St. Marien, Brockmann inne. Mit Schlegel verband Biederstedt eine enge Freundschaft.]
1812 mußte Biederstedt die Siegesdankpredigt für den Einzug Napoleons in Moskau halten, Gen.Sup. Ziemssen hatte diese Aufgabe an Biederstedt abgewälzt.
„Ob wirklich Biederstedt es war, der statt der imposanten spanischen Radkragen schlichte Bäffchen trug, ist nicht unbestritten“ .
5. Schriftstellerische Tätigkeit
Seit 1787 Mitarbeit (Rezensionen, unsigniert) in den Greifswalder „Neuesten Critischen Nachrichten.
1794 erste nichttheol. Veröffentlichung über Bevölkerungsstatistik. Verständlich, da die Tauf-, Trau- und Sterberegister die Materialien enthielten, staatl. Personenstandsregister erst ab 1876.
1808: Geschichte der Nikolaikirche. Ohne Benutzung des Nikolai- oder Ratsarchives. In einfacher Sprache geschrieben, kein sehr großes Echo.
1812: Denkwürdigkeiten der Nikolaikirche.
Viele Kurzbiographien und Überlieferung von zeitgen. Dokumenten und kleineren Aufsätzen zur Regionalgeschichte.
6. Biederstedts Tod und Testament
„Gegen Ende des Winters 1823/24, am Anfang Februar, befiel Biederstedt eine Erkrankung der Atemwege, die am 10. März 1824 zum Tode führte. Die Todesursache ‚Stickfluß‘ ist heute nicht eindeutig zu klären“ .
In seinem Testament vererbte er viele Dinge an zahlreiche Personen, an Legaten setzte er 2.410 Reichstaler aus, dies zeugt von behaglichem Wohlstand.
Alle Konzepte und Briefe sollten in seinen Sarg gelegt werden, dies scheint ausgeführt worden zu sein. Im sog. Nachlaß im Stralsunder Stadtarchiv befinden sich nur wenige Exzerpte, Briefe und Mitteilungen, die wohl erst nach seinem Tode angefunden wurden.
7. Das Bild
1823 von Wilhelm Titel gemalt, das von Zeitgenossen als äußerst ähnlich und zutreffend beurteilt wurde.
Dazu R. Biederstedt: „Ein wenig bekanntes, aber doch bedeutendes Verdienst erwarb er sich dadurch, daß er fehlende Tauf-, Trau- und Sterberegister seiner Kirche aus alten, fast unleserlichen Kladden zusammentrug und abschrieb, eine Arbeit, die nach der an St. Nikolai herrschenden Tradition die Ursache - gewiß nicht die einzige - für ein Augenleiden gewesen sein soll, auf das das Augenwischtuch in seiner Hand auf dem Gemälde von Titel hindeuten soll“ .
Rainer Neumann
Nach: Biederstedt, R.: Dietrich Hermann Biederstedt. Ein Lebensbild. Als Manuskript gedruckt. 1990

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